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Professorin Petra Grimm geht in den Ruhestand

Foto Petra Grimm

Seit 1998 lehrte und forschte Prof. Dr. Petra Grimm an der Hochschule der Medien. Nun geht die Münchnerin in den Ruhestand. Mit dem Institut für Digitale Ethik bereicherte Grimm die Stuttgarter Hochschule um eine medien- und digitalethische Forschungseinrichtung, die direkt Pionierstatus erlangte.

 

von Marcel Schlegel

 

Es ist das Ende einer Ära: Nach fast drei Jahrzehnten verlässt Prof. Dr. Petra Grimm die Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM) – und geht in den verdienten Ruhestand. Als damals 37-Jährige war die 1962 in München geborene Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin 1998 dem Ruf aus Stuttgart gefolgt und übernahm dort die Professur für Medienforschung und Kommunikationswissenschaft im Studiengang Medienwirtschaft. „Ich habe die HdM in ihrer gesamten Entwicklung erleben dürfen, gesehen, wie sie wuchs und gedieh und bin dankbar, dass ich meinen Beitrag dazu leisten durfte, sagt die scheidende Professorin. „Ich behalte die HdM als eine lebendige und breit aufgestellte Medienhochschule in Erinnerung, die sich durch einen engen Austausch zwischen Professorinnen, Professoren und den Studierenden auszeichnet.“

 

2013 gründete Petra Grimm zusammen mit Prof. Dr. Tobias Keber, dem aktuellen Landesdatenschutzbeauftragten, und Prof. Dr. Oliver Zöllner das seinerzeit bundesweit erste Institut für Digitale Ethik (IDE). Mit dem IDE bereicherte das Trio das Profil der HdM um eine medien- und digitalethische Forschungseinrichtung, die direkt Pionierstatus erlangte – und bis heute über die Grenzen des „Ländles“ hinaus hohes Ansehen genießt. Und die der Stuttgarter Medienhochschule auch nach Grimms Ausscheiden erhalten bleiben wird: Geleitet wird das IDE künftig von Oliver Zöllner und Prof. Dr. Clarissa Henning, die bei Petra Grimm promoviert wurde.

 

Als die damalige Hochschule für Druck und Medien (HDM) 2001 mit der benachbarten Hochschule für Bibliotheks- und Informationswesen (HBI) zur Hochschule der Medien (HdM) fusionierte, knüpfte Grimm Kontakt zum mittlerweile emeritierten Informationsethiker Prof. Dr. Rafael Capurro von der damaligen HBI. Gemeinsam stellten die beiden noch im selben Jahr ein erstes Symposium mit informations- und medienethischem Fokus auf die Beine. „Im Nachhinein war dies der Nukleus, aus dem der gesamte medienethische Zweig an der HdM entstand“, erzählt Grimm, die 2000 vom Senat zur Ethikbeauftragten der HdM gewählt wurde. „Die Veranstaltungen stießen von Beginn an auf ein breites Interesse.“ Sie bildeten den Vorläufer des IDE, der Fachtagung IDEepolis und der ersten medienethischen Schriftenreihe überhaupt, in der bis heute im Franz Steiner Verlag über 20 Bände erschienen sind (Interview zum Jubiläum), und die mittlerweile als Schriftenreihe „Medienethik und Digitalethik“ firmiert. Auch prägten sie fortan das Forschungs- und Lehrprofil der Münchnerin, welche stets Wert auf einen fakultätsübergreifenden Austausch und eine fachübergreifende Zusammenarbeit legte. „Die Symposien waren von Anfang an von der Idee getragen, medienethische Fragen aus einer interdisziplinären Perspektive heraus zu behandeln“, so Grimm. „An dieser Maxime haben wir nie gerüttelt und sie ist im Zeitalter von Sozialen Medien, Künstlicher Intelligenz und Robotik ergiebiger und wichtiger denn je.“

 

META setzt Medienethik und Studierende ins Zentrum

Auch der Medienethik-Award META, der seither im Rahmen der jährlichen Fachtagung des IDE an journalistische Beiträge mit besonderem ethischen Gehalt vergeben wird, entstand im Rahmen der Symposien. Im Zentrum des META: immer auch die Studierenden, die im Seminar journalistische Medienkompetenz erwerben und die journalistischen Preisträgerinnen und Preisträger ermitteln, darunter prominente Namen wie Ranga Yogeshwar oder Jürgen Wiebicke. Für das Lehrformat META wurde Grimm 2011 mit dem „Landeslehrpreis Baden-Württemberg“ ausgezeichnet.

 

Unter Grimm, von 2002 bis 2006 Prodekanin und anschließend bis 2010 Dekanin der Fakultät Electronic Media, reifte der medien- und digitalethische Zweig an der HdM zu einem Leuchtturm heran, der vor nun 13 Jahren durch die Gründung des IDE auch institutionell verankert wurde. Das lockte Nachwuchswissenschaftlerinnen an die HdM oder hielt Jungwissenschaftler nach deren Studium gleich in der HdM-Familie; das brachte Forschungsgelder und neue Mitarbeitende ans IDE und die HdM; und das mündete in interdisziplinär angelegten Forschungsprojekten wie exemplarisch „KoFFI“, in dem das Thema autonomes Fahren mit einem „Privacy by Design“-Ansatz reflektiert wurde, zudem „Digitaldialog21“, in dem mithilfe narrativer Ansätze ethisch reflektierte Wege und digitale Möglichkeiten zur demokratischen Bürgerbeteiligung konzipiert wurden, oder zuletzt „GEISST“ zu KI-generierten Stimmen im Nachrichtenjournalismus. Zentral für das IDE und Grimms Forschungsaktivitäten: der anwendungsorientierte Ansatz des „Ethics by Design“, bei dem ethische Begleitforschung jeden Schritt der Technologie-Entwicklungen prägen soll, um dergestalt präventiv wirken und schließlich sicherstellen zu können, dass Konzeption, Umsetzung, Implementierung und Anwendung von (digitalen) Technologien immerzu werte- und wertschöpfend vonstatten gehen. Zudem entstand in der Folge die Schriftenreihe „Daten – Recht – Digitale Ethik“, die seit 2024 im Nomos-Verlag erscheint und auch weiterhin von Grimm, Henning, Keber, Zöllner und Dr. Steffen Brink herausgegeben wird.

 

Werte-Bezug prägt Forschung wie Lehre

Zurück zu den Symposien, die schließlich in der Gründung des IDE mündeten: Denn was im Nachhinein wie eine logische Entwicklung erscheinen mag, war in den Anfangsjahren alles andere als selbstverständlich. „Medienethischen Themen wurde damals kaum Bedeutung zugemessen“, berichtet Grimm. Auch gab es Anfang der Nuller-Jahre noch keine entsprechenden Professuren. Der Zeitgeist habe sich eher gefragt, „wozu man Ethik überhaupt braucht“. Für Capurro und Grimm eine rhetorische Frage – mit ihren Symposien lieferten sie die passende Antwort. Auch, weil Petra Grimm in ihrer praktischen Arbeit immer wieder auf Sachverhalte gestoßen war, die eben nicht allein mit rechtlichen Rahmensetzungen zu klären waren. Eine Erfahrung, die die Medien- und Digitalethikerin vor allem auch in ihren Kieler Jahren, von 1994 bis 1998 als Dezernentin für Programmaufsicht und Medienforschung bei der Unabhängigen Landesanstalt für Rundfunk und neue Medien, machte. „Ich komme aus der Mediensemiotik, weshalb für mich das Werte-Thema und übergeordnete mediengesellschaftliche Fragestellungen, etwa zur Digitalisierung der Gesellschaft oder zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen, immer relevant waren“, berichtet sie.

 

Grimm erkannte rasch, dass angesichts der aufkommenden Digitalisierung neue, eben breiter angelegte Ansätze verfolgt werden sollten – solche, die sich nicht nur auf die Massenmedien und deren Regulierung beschränkten, sondern auch digitale Lebenswelten aus ethischer und zuweilen pädagogischer Sicht reflektierten. Und bestenfalls immer in konkreten Handlungsempfehlungen münden sollten. Wo andere Forschungsprojekte also mit einem abschließenden Gutachten enden, kreierte das Team um Petra Grimm entlang ihrer Forschungsergebnisse medienpädagogische Tools für Heranwachsende und kooperierte mit entsprechenden Institutionen und Vertreterinnen und Vertretern aus der (Lehr-)Praxis. Unter anderem entstand so ein Märchenbuch, mit dem Schülerinnen und Schüler für digitalethische Fragen sensibilisiert werden sollten, oder der „Privat-O-Mat“, ein digitalethisches Instrument, das Heranwachsende auf spielerische Weise auf datenschutz- und privatheitsbezogene Risiken im digitalen Raum aufmerksam machen sollte. „Uns war es immer wichtig, die Forschung auch für die lebensweltliche Praxis zu öffnen und damit auf eine eigentümliche Funktion der Ethik einzuzahlen: Gesellschaftlichen Gruppen Orientierungsanker für ihre tägliche Arbeit mit auf den Weg zu geben und sie für ethische Themen zu sensibilisieren“, erklärt Grimm, die von 1991 bis 1998 als Dozentin an den Instituten für Neuere Literatur und für Pädagogik an der Universität Kiel tätig war und 1994 an der LMU München zum Thema „Narrativität und Werbung“ bei Prof. Dr. Marianne Wünsch und Prof. Dr. Klaus Kanzog promovierte.

 

Durch Kooperationen mit der PH Ludwigsburg und der Universität Passau ermöglichte es Grimm, dass an der HdM auch Promovendinnen und Promovenden eine Heimat fanden. Dem Promotionsverband der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAWs) wird die Professorin, die unter anderem auch dem an der HdM angesiedelten Institute for Applied AI angehört, treu bleiben und auch weiterhin Dissertationen und die genannten Schriftenreihen betreuen. Auch ihre Mitgliedschaften in der Verbraucherkommission des Ministeriums für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg oder der Fachgruppe „Kommunikations- und Medienethik“ der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) wird sie nicht aufgeben. Und der HdM und dem IDE? Denen werde sie so oder so verbunden bleiben, sagt die Münchnerin.

 

Nach annähernd 30 Jahren beginnt für Prof. Dr. Petra Grimm nun also ein Leben nach der HdM. Aber keines ohne Vorträge, Publikationen – und keines ohne Wissenschaft.

 

Rektor Boris Kühnle bezeichnete Grimm in seiner Rede als „einen Glücksfall“ für die Stuttgarter Medienhochschule (Lesen Sie die Mitteilung hier).

 

 

Foto Petra Grimm