Wissenschaftskommunikation: Gerne kontrovers, aber bitte konstruktiv!
Stuttgarter Hochschule der Medien (HdM) entwickelt mit Förderung der Klaus Tschira Stiftung ein neues Dialogformat zu Zukunftsfragen
Was ist nötig, damit Menschen wirklich darüber ins Gespräch kommen, was für die gemeinsame Zukunft wichtig ist, und nicht bloß lautstark Meinungen austauschen? Dieser Frage widmet sich das Projekt „Our Common Future“. Darin entwickeln HdM-Professor Dr. Alexander Mäder und sein Team neuartige Beteiligungsformate der Wissenschaftskommunikation etwa für öffentliche Räume, Veranstaltungen oder Marktplätze.
Das von der Klaus Tschira Stiftung geförderte Projekt startet im August 2026 und läuft über zwei Jahre.
In mehr als 15 interaktiven Bürgerdialogen stehen Zukunftsthemen im Mittelpunkt, etwa die Frage, ob technische Lösungen uns in der Klimakrise retten können. Die Debatten beginnen in Präsenz im sogenannten „Unterhausformat“ und werden anschließend digital fortgesetzt. Der Name verweist auf das britische Parlament benannt: Das Publikum sitzt sich in zwei Fraktionen gegenüber und diskutiert miteinander.
Mit der Bewegung im Raum sortiert sich auch der Kopf neu
Nach kurzen Impulsen vom Moderationsteam mit Studien, Beispielen und weiteren Fakten beantworten die Teilnehmenden alltagsnahe Fragen. Je nach Antwort positionieren sie sich auf der Ja- oder Nein-Seite des Raums. „Obwohl sich die Menschen gegenübersitzen, entsteht eine konstruktive Debatte“, berichtet Mäder, der digitalen Journalismus im Studiengang Crossmedia Redaktion / Public Relations an der HdM lehrt. Gemeinsam mit Carina Frey und Rainer Kurlemann von der genossenschaftlich verwalteten Online-Plattform Riffreporter hat er bereits mehr als 50 solcher Dialoge moderiert.
Dabei bleibt es nicht bei der ersten Entscheidung. Im Verlauf der Diskussion werden Argumente ausgetauscht, Positionen erläutert und Einschätzungen überdacht. Alle kommen zu Wort, Gemeinsamkeiten werden sichtbar und kontroverse Punkte herausgearbeitet. Nicht selten wechseln Teilnehmende im Laufe der Debatte die Seite. „Mit der Bewegung im Raum sortiert sich auch im Kopf einiges neu“, sagt Mäder. Ziel ist es, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen. Kontroversen sind ausdrücklich erwünscht – solange sie konstruktiv geführt werden.
Von der Begegnung ins Netz und in die Öffentlichkeit
Im Verlauf der Debatte erläutert das Publikum eigene Erfahrungen und skizziert erste Lösungsideen und Szenarien. In der Diskutier-App „Background“ wird die Diskussion dann vertieft. So entsteht mit Menschen aus verschiedenen Orten eine vielfältige Community mit dem gemeinsamen Interesse eines lebendigen Austauschs.
Ergänzend erscheinen Beiträge bei RiffReporter.de. Die Ergebnisse sollen zudem in Politik und Gesellschaft eingebracht werden. Das Projekt wird kontinuierlich evaluiert und weiterentwickelt. Am Ende entsteht ein Handbuch, das den Transfer des Dialogformats erleichtert.
„Wir möchten, dass unser Publikum am Ende urteilt: Wir haben nicht nur gut miteinander geredet, sondern auch etwas bewirkt“, so Projektleiter Mäder. Das stärkt seiner Ansicht nach die Demokratie, weil so Bürgerinnen und Bürger merken, dass ihre Meinung relevant ist.
Derzeit werden bundesweit Orte und Plätze gesucht sowie Organisationen und Verbände angesprochen, um „Our Common Future“ niederschwellig anzubieten und auch gezielt Menschen zu erreichen, die sich bislang selten an solchen Dialogformaten beteiligen.